Kirchenaustritt

Persönlich und politisch – Kirchenaustritt in Deutschland

Die christliche Kirche steht im 21. Jahrhundert auf wackeligen Beinen. Die Schäfchen laufen ihr Reihenweise davon und eine Erneuerung aus Rom oder den Bistümern ist nicht in Sicht. Doch aus welchen Gründen treten vormals Gläubige aus der Evangelischen oder Katholischen Kirche aus?

An Grund mag das Geld sein. Kirchen beziehungsweise Religions- und Weltanschauungsgemeinschaft/-organisation sind Körperschaften des öffentlichen Rechts, die in quasi Kooperation mit dem Land Steuern einnehmen. Diese Steuerpflicht gilt mit dem Eintritt durch Taufe und erlischt, wenn der Getaufte seine “Mitgliedschaft” per Kirchenaustritt kündigt. Der Kirchensteuersatz variiert je nach Bundesland. Wenn so zahlt man in Baden-Württemberg nur 8%, in anderen aber 9% der Einkommenssteuer.

Andere Gründe für einen Austritt sind der eigene Lebensstil und die damit verbundenen Wertevorstellungen. So fühlen sich in der Kindheit christlich erzogene Erwachsene nicht mehr von der Kirche Akzeptiert – ob nun wegen ihrer Sexualität, ihres Geschlechts oder ihres Berufs. Hinzu kommt häufig, dass sie im Erwachsenenalter selbst entscheiden können, wenn sie als Kind gezwungen oder überredet worden sind beispielsweise am Gottesdienst teilzunehmen.

Vielzitierter Grund für den Austritt ist auch das politische Auftreten der Kirche. Gerade nach dem Öffentlichwerden vermehrter Missbrauchsfälle durch Priester glitt die Stimmung gegen die Kirche ins stark Negative. Besonders die Aussagen des Vatikans – und im Speziellen die Papst Benedikts – zur Sexualität, Geschlechterrollen, Aids und dem Zölibat sorgten dafür, dass sich viele Menschen weiter von der Kirche entfernten, da sie diese Ansichten nicht mit einem modernen Leben in Verbindung bringen können und wollen.

Ein anderer Auslöser ist die persönliche spirituelle Entwicklung jedes Individuums. Nicht jeder kann bei christlicher Liturgie tiefe religiöse Empfindungen verspüren. Gerade wenn der Gang in die Kirche im Kindesalter erzwungen wurde oder nach sehr konservativen Mustern abläuft, kann sich über Jahre eine tiefe Abneigung entwickelt haben. Andere Religionen oder spirituelle Richtungen erfüllen außerdem andere Bedürfnisse, wie körperliche Entspannung oder Meditation, wie es in der christlichen Kirche nicht immer gelebt wird. Das Ausprobieren unterschiedlichster spiritueller Rituale und Lehren führt viele Menschen somit in eine andere Richtung als diese am Start mit ihrer Taufe vorgezeichnet war.